Neuer Bericht prangert entsetzliche Bedingungen in Spinnereien an

Donnerstag, 30 Oktober 2014

Gerade als es schien, dass die Bekleidungsindustrie auf dem besten Weg sei, verantwortlicher zu werden - durch Anstrengungen von Marken und Einzelhändlern und Übereinkommen wie dem Bangladesch Abkommen und der Allianz - da gibt es einen neuen Rückschlag, der diesmal an die Substanz geht, nämlich den Stoff, aus dem Kleidung gemacht wird. Ein neuer Bericht hat sich mit der Situation südindischer Spinnereien beschäftigt und musste entsetzliche Bedingungen feststellen.

Der Bericht "Flawed Fabrics - The abuse of girls and women workers in the South Indian textile industry" nahm die Arbeitsbedingungen von fünf Spinnereien in Tamil Nadu gründlich unter die Lupe, nämlich in den Betrieben Best Cotton Mills, Jeyavishnu Spintex, Premier Mills, Sulochana Cotton Spinning Mills und Super Spinning Mills. Tamil Nadu ist ein wichtiges Zentrum für die weltweite Textil- und Strickbekleidungsindustrie und stellt Baumwollgarn und Stoffe für die Weiterverarbeitung in indischen und internationalen Bekleidungsindustrie her. Gerade Bangladesch ist ein wichtiger Partner, wo die Ware zu Konfektionskleidung für Auftraggeber wie C&A, Mothercare, HanesBrands, Sainsbury’s und Primark verarbeitet wird. Tatsächlich fallen zwei der untersuchten Spinnereien, die an Bekleidungsfabriken in Bangladesch liefern, unter das Bangladesch Abkommen für Brandschutz und Gebäudesicherheit.

Tamil Nadu-Spinnereien liefern an Fabriken in Bangladesch

Tamil Nadu beheimatet rund 1.600 Spinnereien, die mehr als 400.000 Menschen beschäftigen, von denen 60 Prozent Mädchen und junge Frauen unter 18 sind. Der Gemeinschaftsbericht des Zentrums zur Forschung über multinationale Unternehmen (SOMO) und das Indien-Kommittee der Niederlande (ICN) stützt sich auf detaillierte Interviews mit 151 dieser Arbeiterinnen sowie eine Analyse der Firmeninformationen und Exportdaten der involvierten Unternehmen.

Die Frauen und Mädchen, die in den Spinnereien von Tamil Nadu arbeiten (von denen einige gerade einmal 15 Jahre alt sind) werden meist aus marginalisierten Dalit-Gemeinschaften in armen, ländlichen Gegenden rekrutiert. Sie werden von zu Hause mit den Versprechen auf gute Jobs und gute Bezahlung weggelockt, aber die Realität sieht ganz anders aus: Sie müssen unter erschreckenden Bedingungen arbeiten, die der modernen Sklaverei und den schlimmsten Formen der Kinderarbeit gleichkommen.

Sie werden gezwungen, für einen Hungerlohn zu arbeiten und es gibt keine Verträge, Gehaltsabrechnungen, bezahlten Urlaub oder bezahlte Krankheitsausfälle. Die Frauen und Mädchen leben in sehr einfachen Behausungen, die von der Fabrik gestellt werden. Es ist ihnen nicht erlaubt, diese alleine zu verlassen, weshalb eine junge Frau sie mit "halben Gefängnissen" verglich. Natürlich können diese Arbeiterinnen sich nirgendwo beschweren und es gibt auch keine Gewerkschaften, die sich für sie einsetzen.

Die Herbergen der Frauen sind "halbe Gefängnisse"

So gibt es nach einem langen Arbeitstag wenig, auf das sich die jungen Frauen freuen können. Und wenn sie von außerhalb kommen, ist es für sie verpflichtend, in einer der Unterkünfte der Firma untergebracht zu sein. 'Einfach' ist dabei eine Untertreibung - in einem Zimmer sind oft 35 Frauen untergebracht; Betten gibt es oft auch nicht und die Frauen schlafen auf dem Boden. Eine Toilette teilen sich 35 bis 40 Frauen. Der Besitz oder Gebrauch von Mobiltelefonen ist nicht erlaubt, so dass Kontakte zur Außenwelt und Aktivitäten außerhalb der Arbeit fast unmöglich sind. Dementsprechend ist die mentale Verfassung der Frauen und Selbstmorde kommen immer wieder vor.

Die meisten von uns würden - in die Situation einer der in den Spinnereien arbeitenden Mädchen geschickt - schon an den langen Arbeitszeiten scheitern. Sie reichen von einem Minimum von 54 bzw. 56 Stunden pro Woche (bei Jeyavishnu und Sulochana) zu 68 bei Best und Super und bis zu 72 Stunden pro Woche bei Premier. Das heißt acht bis zehn Stunden am Tag mit nur einer winzigen Pause schuften - 10 ganze Minuten bei Premier (5 Minuten für Tee und 5 Minuten für einen Toilettenbesuch ist erlaubt) und 30-40 Minuten in den anderen Spinnereien. Die Arbeiterinnen fügen sich und trinken den ganzen Tag über wenig, um ja nicht zur Toilette gehen zu müssen. Dehydration ist die kurzfristige Folge und schwere Blasen-, Nieren- und Leberschäden sind die langfristigen Folgen.

Von den genannten Bekleidungshändlern hat bis jetzt nur Primark eine offizielle Erklärung auf seiner Website abgegeben. Darin sagt das Unternehmen, dass es "die Bedenken von SOMO und ICN über die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in der südindischen Spinnereibranche" teile. Primark bestreitet jedoch, jemals von Sulochana Ware bezogen zu haben und nennt die Angaben auf der Website von Sulochana falsch. Der Textildiscounter gibt jedoch zu, Jeyavishnu Spinntex zu benutzen und sagt, dass “Primark akzeptiert, dass diese Spinnerei Probleme hat, die behoben werden müssen und [dass es] weiterhin daran arbeiten werde, diese zu lösen".

Primark beruft sich auf frühere Inspektionen

Das Unternehmen verweist auch auf zuvor von "Spezialprüfern" ausgeführte Inspektionen und ein Programm, dass 2012 bei Jevavishnu eingeführt wurde, um den Gesundheitszustand von Frauen zu verbessern. Dieses soll "bereits Verbesserungen hervorgebracht" haben. Außerdem sagte Primark, es werde seine “Fair Hiring" und "Fair Labour"-Programme in den Spinnereien so schnell wie möglich einsetzen, um den Prozess für verbesserte Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen weiterzuführen.

Obwohl der Bericht andeutet, Reaktionen von C&A, H&M, Mothercare, Sainsbury’s, Standard Chartered Bank und Raiffeisen Bank (Tschechien) erhalten zu haben, hat keiner der Einzelhändler zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels eine offizielle Stellungnahmen herausgegeben. Der Bericht empfiehlt Einzelhändlern, Marken und Herstellern, "in Übereinstimmung mit den Richtlinien für Geschäfte und Menschenrechte der Vereinten Nationen die Risiken und negativen Einflüsse in ihrer Lieferkette zu identifizieren, zu verhindern und einzudämmen" und auf mehr Transparenz in der gesamten Lieferkette zu bestehen.