Wie viel Kinderarbeit steckt in Billig-Textilien?

Montag, 12 Mai 2008

Dass Textildiscounter ihre rigide Preispolitik nur durchhalten können, weil die dort verkauften Produkte unter widrigen Bedingungen gefertigt werden, ist schon lange ein offenes Geheimnis. Die betroffenen Unternehmen hielten sich jedoch bislang sehr bedeckt und wiegelten ab, wenn dieses Thema öffentlich angeschnitten und diskutiert wurde. Nun hat sich erstmals ein hochrangiges Mitglied des Billig-Anbieters Kik dazu geäußert und bestätigt, dass an den Gerüchten, die Discounter hätten auch Kleidung aus Kinderarbeit im Sortiment, mehr dran ist, als bislang zugegeben.

Heinz Speet, geschäftsführender Gesellschafter bei Kik, sagte der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ): "Wir können Kinderarbeit bei der Produktion unserer Waren nicht zu 100 Prozent ausschließen.“ Wie das Blatt in seiner Donnerstags-Ausgabe weiter berichtet, sei Speet davon überzeugt, dass auch die anderen Handelsunternehmen der Branche mit dieser Einsicht leben müssten. Vor allem in China und Bangladesch sehe sich Kik, das zur Tengelmann-Gruppe gehört, mit dem Problem Kinderarbeit konfrontiert. „In diesen Ländern haben Lieferanten noch einmal Sublieferanten. Da fällt Kontrolle unheimlich schwer“ so Speet. Vor allem in Bangladesch, das in der Branche für seine schlechten Arbeitsbedingungen bekannt ist, hätten von Kik beauftragte Prüf-Institute jedoch mittlerweile damit begonnen, alle Lieferanten zu prüfen. „Wir haben das Problem erkannt und arbeiten daran,“ so Speet gegenüber der WAZ.

Wie Kik, Takko, NKD und andere Unternehmen auf dem Billig-Sektor künftig verhindern wollen, dass die von Kindern zusammengenähten Shirts und Hosen doch den Weg in ihre Märkte finden, bleibt weiterhin ein Rätsel. Der selbst auferlegte Preisdruck in der Branche ist hoch, die Produktionskosten müssen daher entsprechend niedrig gehalten werden. Der Preis zählt also auch beim Einkauf, und der kann nur dann besonders niedrig sein, wenn die Produktionsbedingungen entsprechend miserabel sind.

Außerdem weigern sich die Discounter weiterhin, die Produktionsstandorte ihrer Waren preiszugeben. Eine Überprüfung der Gegebenheiten dort durch unabhängige Institutionen ist daher nahezu unmöglich. Oftmals wissen die Unternehmen jedoch noch nicht einmal selbst, wo die Textilien herkommen, die sie in Fernost einkaufen. Ein weit verzweigtes, unübersichtliches Netz an Zulieferern und Subunternehmen überzieht fast den gesamten asiatischen Raum und sorgt dafür, dass sich fast alle betroffenen Unternehmen kaum selbst ein Bild davon machen können, ob und wie viel Kinderarbeit in ihre Kleidungsstücke eingeflossen ist.

Ein Umstand, an dem sowohl die Konzerne selbst, als auch die Kunden in den Industrienationen mit verantwortlich sind. So lange viele Verbraucher ihre Kaufentscheidung allein über den Preis treffen, ist dem Missbrauch menschlicher Arbeitskraft weltweit nicht beizukommen, im Gegenteil: Sobald die Regierungen in ihren Ländern versuchen, die Produktionsbedingungen in der Textilwirtschaft durch gesetzliche Vorgaben zu verbessern, wandern die Kunden ab und suchen anderswo nach Alternativen. Bestes Beispiel hierfür ist China, wo Schuh- und Textilunternehmen derzeit zu Hunderten dicht machen, weil sie zu teuer wurden. Die Großabnehmer westlicher Modekonzerne orientieren sich längst dahin, wo die Politik sich nicht für die Arbeitsbedingungen der Bevölkerung interessiert, etwa nach Indien, Vietnam oder Bangladesch. Und hier ist Kinderarbeit an der Tagesordnung, Arbeitnehmerrechte existieren kaum.

Die Kontrollbestrebungen der Textildiscounter erscheinen da wie armselige Lippenbekenntnisse, zumal das Prinzip „Billig um jeden Preis“ gerade auch bei Kik System hat und sich bis zu den Arbeitsbedingungen der heimischen Angestellten niederschlägt. So hat erst vor kurzem die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Strafanzeige gegen das Unternehmen gestellt. Der Vorwurf hier: Lohndumping. Die Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft wurden jedoch schnell wieder eingestellt.

Foto: Kik