Usbekistan: Baumwollboykott gegen Kinderarbeit

Mittwoch, 26 September 2012

Es passiert selten, dass Aktivisten zum Boykott der eigenen Produkte aufrufen, aber genau dies passiert zurzeit in Usbekistan. Dort setzen sich Menschenrechtler für eine Verlängerung des internationalen Boykotts usbekischer Baumwolle und Textilien ein,um Druck auf die eigene Regierung auszuüben, endlich die staatlich sanktionierte Kinder- und Zwangsarbeit einzustellen.

“Der Boykott usbekischer Baumwolle und Firmen, die sie weiterverarbeiten, sollte anhalten, bis die internationale Arbeitsorganisation (ILO) ihre Beobachtungen abgeschlossen hat und Usbekistan die Zwangsarbeit einstellt,” forderte die Menschenrechtsorganisation Zentralasien (AHRCA).

"Es ist wichtig zu wissen, dass Usbekistan das einzige Land der Welt ist, in dem die Regierung die Schulen schließt, um die Schüler zur Baumwollernte zu schicken. Diese Kinder arbeiten nicht für sich, sondern allein für den Staat. Das ist Zwangsarbeit für Kinder. Unseren Beobachtungen zufolge müssen sogar neun- oder zehnjährige Kinder auf den Feldern Baumwolle pflücken," sagte die Aktivistin Umida Niyazova und Leiterin des usbekisch-deutsche Forums für Menschenrechte in Berlin, die als eine der ersten über die staatlich unterstützte Kinderarbeit in Usbekistan schrieb und dafür ins Gefängnis ging.

Laut AHRCA unterstützen bereits 80 internationale Modemarken und Einzelhändler den Boykott – darunter auch C&A und Adidas – aber die usbekische Regierung gibt sich bis jetzt unbeeindruckt. Zudem ist es angesichts des enormen Handelsvolumen von Baumwolle oft schwierig, das Ausgangsland genau zu bestimmen. Deshalb fordert die Organisation, den Boykott usbekischer Baumwolle und Textilien auch auf die Firmen auszuweiten, die sie weiterverarbeiten, sowie auf die ausländischen Investoren und Partner usbekischer Textilunternehmen. Die usbekischen Aktivisten wollen auch, dass die EU und USA bestehende Handelsvergünstigungen für Usbekistan aufheben.

Nach Niyazovas Einschätzungen und der anderer Experten wird gut die Hälfte der usbekischen Baumwolle von Kindern geerntet. Jeder weiß es und keiner sagt etwas, denn das Thema Kinderarbeit ist ein Tabu im Land. Schließlich hat Usbekistan bereits im Jahr 2008 die UNO-Konvention gegen Kinderarbeit unterschrieben. Ein Akt auf dem Papier, denn für die rund 1,5 Millionen Kinder des Landes hat sich nichts geändert.

Sie werden weiterhin jedes Jahr für zwei Monate gezwungen, auf den Baumwollfeldern zu arbeiten. Die Lehrer arbeiten mit dem Regime von Präsident Karimow Hand in Hand. Was bleibt ihnen anderes übrig; das “weiße Gold” ist schließlich eine der Hauptstützen der usbekischen Wirtschaft. Und Zwangsarbeit erstreckt sich nicht nur auf Kinder – Lehrer, Studierende, sogar Ärzte und andere werden regelmäßig zur Baumwollernte “mobilisiert”.

Wer der harten Arbeit, Arbeitsunfällen und vernarbten Fingern entkommen will, muss zahlen. Ein Schmiergeld von mindestens 80 Euro, ein Vermögen, das in keiner Relation zu den drei Cent pro Kilo steht, die ein Arbeiter verdient. Wer sein tägliches Quantum von bis zu 30 Kilogramm pro Tag nicht erfüllt, wird geschlagen. Oder muss nachts wieder aufs Feld, um die Diskrepanz aufzuarbeiten.

Koreanische Firmen sind laut AHRCA die größten Abnehmer usbekischer Baumwolle und Textilien, angeführt von Daewoo International und seiner Tochtergesellschaften Hain Tex und Senas Textile. Die Türkei ist der zweitgrößte Investor, speziell das zur Tarmac Group gehörende Unternehmen Osborne Textile.

Mehr als 250.000 Tonnen Baumwollfasern werden jedes Jahr in Usbekistan an örtlich ansässige Firmen verkauft, die von ausländischem Kapital finanziert werden. Die produzierten Garne und Stoffe werden exportiert und landen so im internationalen Bekleidungshandel und damit auch in Europa und den USA.

Konkret heißt dies, dass europäische und amerikanische Firmen, die Kleidung in Bangladesh, Indien, Pakistan oder China fertigen lassen, damit rechnen müssen, dass zumindest ein Teil der verwendeten Baumwolle aus Usbekistan stammt. Tatsächlich wurde vor ein paar Jahren ein konkreter Fall bekannt, als das schwedische Bekleidungsunternehmen H&M in die Schlagzeilen geriet, nachdem sich herausstellte, dass Lieferanten des Unternehmens usbekische Baumwolle verwendeten.

Foto: Global Adaptation/Peretz Partensky